Der Groll

Auf einer weiten Wiese, saftig grün, eingerahmt von bewaldeten Bergen, hoch und felsig, steht eine hochgewachsene Frau. Sie wippt auf ihren Füssen hin und her. Auf die Zehen, auf die Fersen, auf die Zehen. Ruhig, langsam. Ihren Blick richtet sie auf das Ende des Tals, wo sich die Sonne auf dem Boden spiegelt.

Da beginnt das Meer.

Ein Grollen erklingt von den Bergen um sie herum. Es beginnt als ein leises grummeln, mehr wie ein Anzeichen des Hungers im Magen. Sie wippt. Das Grollen steigert sich. Sie steht still und lauscht. Die Berge. Die Felsen fallen. Ihr Körper spannt sich an. Die ersten Steine berühren die Wiese. Mit einem ohrenbetäubenden Knall löst sie sich aus ihrer Spannung und läuft los.

Kapitel 1

Die Wiese verwandelt sich in eine Hügellandschaft. Sie hebt und senkt sich. Auf dem höchsten Punkt eines Hügels hält sie inne und lässt sich in die Senke treiben, holt Anlauf für die kommende Steigung, atmet aus und steigt wieder an. Auf der Spitze der nächsten Erhebung holt sie tief Luft und legt sich in die Tiefe um sich Schwung zu erhaschen und mitten in der Senkung stolpert sie und stürchelt, schliesst ihre Augen, fällt zu Boden und rollt einmal, zweimal weiter bis sie da liegt. Sie öffnet ihre Augen, sieht über sich den blauen Himmel, unerreichbar weit, weit weg eine Weite, blau und das Meer, das Meer, nein, noch nicht.

Nun wird sie angeschnaubt. Über sie beugt sich ein Pferd, das Pferd und es fragt: meine Güte, noch alles dran an dir? Sie tastet sich ab, ihre Arme, die Beine, Füsse, Bauch, Rücken, Schultern, auch der Kopf, alles da – sie sagt ja … warst das du?

Das Pferd wiehert oh ja und lacht, und sie betrachtet das Pferd und ruft: oh du bist ja ganz geschunden, das tut mir leid, so leid, das Grollen war so laut und das Meer so weit und dann flog ich auf einmal und der Boden kam näher und näher, ich spürte ihn, ich spürte ihn so sehr, doch nun stehe ich auf.

Sie steht auf, das Pferd vis à vis.

Dieses hockt auf den Boden und sagt: das warst nicht du, ich sass da nur und du flogst über mich drüber. Ich fliege über Barrieren. Ginge es nach mir wäre mir jeder Umweg lieb um bloss nicht springen zu müssen doch es geht nicht nach mir, es geht nach ihr, der Person die auf mir drauf sitzt und befehle bellt und mich in die Seiten stüpft. Ich weiss nicht, wieso sie das tut. Es muss eine höhere Bestimmung darin liegen, die Rettung der Welt oder so, was genau – ich weiss es nicht.

Sie steht da und hört ein Schnauben und Wiehern. Sie dachte sich, dass sie auf dem Pferd viel schneller an ihrem Ziel wäre und dann noch mit einer besseren Aussicht. Doch wie es so vor ihr steht tut es ihr leid, das Pferd mit dem schmerzenden Körper und sie fragt, wo die anderen Pferde sind und das Pferd schaut sie verdutzt an und sie sagt: na dann, dreht sich um, erklimmt den nächsten Hügel, sucht die Spiegelung der Sonne, atmet ein und rennt weiter.

Kapitel 2

Das Grollen lässt nicht auf sich warten denkt sie, es erhebt sich in die Lüfte und die Blätter der Bäume der Berge erzittern.

Und wieder hebt und senkt sie sich, runter, rauf, den Blick in die Ferne, den Blick auf die Erhebung der Wiese, Halm um Halm näher der Ferne. Weiter weg, weg weg weg.

Nun wird das Tal, ihr Tal, schmaler und schmaler, sie nähert sich den Seiten und trifft auf einen Hügel aus Steinen, grossen Steinen, mal im Wasser und nun warm von der Sonne, sie lehnt sich daran, sie fühlt die Sonne, sie entspannt sich, sie wackelt mit den Zehen, so entspannt sie sich, denn die schmerzen schon und das Grollen wird stärker. Sie schaut durch die Lücken zwischen den Steinen und sieht einen gedeckten Tisch, mit Kerzen erleuchtet, ein Schwein auf dem Tablett, ein Schwein ohne Beine, ohne Kopf, auch ohne Knochen, nur noch das Fleisch ist da, saftig, mariniert, ein Stück Schwein auf dem Tisch.

Das Grollen schwillt an, eine Vibration durch die Luft, sie fühlt es auf den Haaren auf den Armen und im Bauch, es wird körperlich. Die Steine vibrieren mit, sie wackeln und kugeln weg, weit ins Tal und sie schlüpft durch das Loch in den Hügel aus Steinen.

Sie berührt den Ballen Fleisch mit ihrem Zeigefinger, eine Delle bleibt zurück und zeugt von ihrer Berührung. Das Fleisch ist warm, ihres auch, sie leckt ihren Finger, mmh, diese Marinade, und sie öffnet ihren Mund, so weit es geht, sie entblösst ihre Zähne, die drückt sie in das Schwein und lässt sie durch das zartgebratene Fleisch malmen als ob sie dafür gemacht wären.

Sie legt sich auf den Boden, doch es ist so düster. Sie geht raus, da die Sonne, sie scheint noch immer, die Steine sind noch warm, als wäre nichts geschehen.

Wohin des Wegs? – fragt sie eine Eule von oben herab – ihre Flügel sind müde, sie lässt dich fallen und setzt sich zu ihr hin.

Ich will Meer, sagt sie, die Eule sagt: du hast schon zu viel, sie sagt: das macht mir nichts aus.

Kapitel 3

Sie hören ein Rutschen, kein Grollen mehr, ein Rutschen, ein Tapsen, ein Rutschen und Tapsen. Sie steht auf, geht um den Haufen aus Stein auf die andere Seite und sieht da ein Mädchen, es trägt hübsche Jeans und rutscht die Steine runter, tapst wieder rauf, rutscht wieder runter und sie fragt: was machst du, Mädchen?

Es steht da und es sagt: wenn ich meine Hosen durch hab bekomme ich neue, ich will neue. Und sie sagt aber diese hier sind doch schön, warum willst du die nicht? Es sagt: ich will neue. Und sie steht da, das Mädchen tapst wieder den Hügel aus Stein hoch, rutscht wieder runter, es fehlt nur die grosse, schwere Kugel. Sie fehlt und das Mädchen geht doch immer wieder von neuem den Hügel hinauf und hinunter, hinauf und hinunter.

Kapitel 4

Sie schaut dem Mädchen zu, wie es wieder hinunter rutscht und folgt ihm dann tapsend den Steinhügel hinauf.

Der Aufstieg ist härter und weiter, als sie gedacht hatte. Sie hält irritiert inne. Der Hügel wird grösser und grösser, er wächst unter ihren Füssen zu einem Berg an, sie steigt mit ihm in die Höhe und balanciert aus den wachsenden Steinen zu Felsen.

Zuoberst dreht sich das Mädchen um, schaut sie ungeduldig an, sie macht einen Schritt zur Seite und das Mädchen rutscht an ihr vorbei. Sie schaut ihm nach, wie es in der Tiefe verschwindet, hebt den Blick und sieht sich um. Ihr Blick fällt auf eine schwarz glänzende Linie, welche sich durch das Tal zieht. Die ist neu. Sie unterteilt das Tal, ohne es zu wollen. Sie ist eine Linie und die eine Seite von ihr gebiert die andere.

Vor ihr sitzt die Eule.

Sie setzt sich zu ihr.

Siehst du den Ballon da? Er schwebt, erhebt sich, fällt einfach retour. Sie sieht ihn nicht, da ist nur diese schwarze Linie in der Tiefe. Da, zwischen den Zuggeleisen, siehst du den Ballon? Es weht der Wind, der Ballon schwebt, berührt den Boden, schwebt wieder in die Höhe, doch nicht hoch genug, um über die Geleise hinaus zu kommen. Entrüstet erhebt sie sich und ruft: Mag sein, es fehlt der Zug, wer ist schon ein Ballon! Es gibt keine Geleise!

Und da ist ein Knall. Doch sie denkt nicht daran. Alle haben mindestens einen Knall. Die Frage ist nur, wann er erklingt und alles auf den Kopf stellt. Sie setzt sich wieder hin auf den Po, zieht und schiebt sich mit den Füssen in Richtung Tal. Sie ist zu fleischig um zu rutschen.

Kapitel 5

Unten steht ein Tisch und dahinter fünf Leute. Auf dem Tisch befinden sich Blätter. Viele Blätter. Es scheint unendlich.

Sie steht auf. Sie sehen sie an. Sie steht auf und geht weiter. 

Sie sucht die Linie, denn sie führt ans Meer. Und falls sie wirklich Geleise ist, könnte sie ja vielleicht gar den Zug nehmen und wäre schon da.

Es raschelt, der Wind spielt mit den Blättern der Bäume, er spielt mit den Blättern der Leute am Tisch, auch er beginnt, seine Hüter loszulassen, sie wehen davon, sie wirbeln herum, Menschen in der Luft und überall, doch auch Blätter, aus Papier, aus Blatt, beides von den Bäumen, gepresst wieder lebendig und in der Blüte. Und eines dieser Blätter, ein weisses, erfasst der Wind, zieht es mit sich hoch, 14 Meter und dann, nach einer Vierteldrehung wieder herunter, und dann, mit aller Kraft, klatscht es ihr ins Gesicht.

Hey! sagt sie und fasst sich ans Blatt. Sie zieht es weg und sieht darauf ein Lächeln aus hautfarbenen Zähnen hinter einer dicken Zahnspange.

Zähne aus Schweinen und Schweine die Zahnen. Eines an das andere gereiht, gleichmäßig geregelt hinter Stahl. Die haben noch Beine dran und auch den Kopf, die können wohl noch quieken wenn man sie beisst. Die Kringelschwänzchen hängen und die Ohren sind nach hinten gelegt. Sie langweilen sich bis zum Tode, sie beissen sich gegenseitig denn was sollen sie sonst, sie sehen keine Sonne und liegen in ihrer Scheisse und das ist alles, alles was sie spüren bis man sie wegfährt und niederbolzt.

Neben dem Schwein auf dem Blatt steht, dass es im Kanton Luzern mehr Schweine als Menschen gibt. Warum seh ich die nie? Sie entlässt das Blatt wieder in den Wind und in ein neues Gesicht, denn sie hört den Zug, er nähert sich, sie spürt es in den Füssen, aus dem Boden, ein leises Beben, ein Kitzeln.

Kapitel 6

Da sind sie tatsächlich, vor ihr in der Sonne funkelnd. Unendlich lang nach links, unendlich lang nach rechts.

Sie legt ihr Ohr auf das Geleise um den Zug zu hören, doch es ist so heiss, dass sie den Kopf gleich wieder anhebt und genau in das Licht des Zuges blickt welcher sie erfasst und mit sich mit zieht immer näher rattert er dem Meer, er rattert und rattert und sie hält sich verdattert rennend auf seiner Höhe. Zum Glück fährt er nicht so schnell, zum Glück überfuhr er sie nicht. Schon oft wurde sie überfahren doch das hier war eher körperlich.

Zum Glück war der Zug anders, er hob sie auf seinen Rücken und wollte sie mit sich tragen doch sie war zu überrascht um ruhig zu bleiben und fiel weg auf die Seite des Zuges, da läuft sie nun, den Rückspiegel vor sich, Fenster schweben langsam an ihr vorbei, sie wirft sich an ein Glas bis es bricht, zieht sich hoch, setzt sich auf die Kante und blickt auf die eine Seite des Tals.

Sie hat das Pferd gar nicht bemerkt, welches es sich auf dem Zug bequem gemacht hat. Es schnaubt zu ihr runter und wiehert: da bist du ja wieder. Gehst du auch weg?

Ja sie verschwinde, ruft sie aufs Dach, sie verschwinde, sie löse sich auf, sie merke es, es beginnt schon in ihren Zehen, die kleinen drehen sich weg, mehr und mehr, wahrscheinlich halten die nicht mehr lange fest an ihren Füssen.

Na sowas ruft das Pferd, dann solltest du wohl nicht so schnell unterwegs sein, es liege wohl daran, man könne auch verschwinden ohne sich aufzulösen. Sie ruft ja, klar, ich denke auch dass meine Zehen sich nur auflösen weil sie schon voraus gehen, sie realisieren sich wieder in der Ferne.

Das Pferd entgegnet, dass wir die Ferne nie sehen können, denn sind wir da, ist sie weg, und sie also auch ihre Zehen für immer verlieren würde. Das könne es nicht verantworten, nichts dagegen getan zu haben, einfach zugeschaut zu haben wie sie sich auflöse, nein also wirklich, und es springt vom Dach des Zuges, galoppiert neben ihm her, fasst sie am Nacken ihres Pullovers und zieht sie weg vom Zug.

Sie schreit, he, lass das! Lass das! Ich entscheide für mich selbst, nur ich, unabhängig von allen allen anderen! Und ich möchte Dinge, die ich gar nicht will. Und das Pferd lacht mit dem Pullover zwischen den Zähen, galoppiert, lacht und nuschelt, dass niemand ohne Umfeld existiere. Nichts kann sich aus der Begebenheit in die es hineingeboren wird davonstehlen.

Sie lässt los, lässt sich hängen, die Zehen sind noch da, sie spürt sie. Beinahe wären sie verschwunden, doch das war nur das Schaben des Bodens an ihren Schuhen als sie da auf der Kante sass.

Kapitel 7

Das Pferd fällt in Trab, die Geschwindigkeit ist aus, es lässt sie hängen und dann lässt sie sie los. Sie stehen da und sehen da neben sich eine Eule und ein Mädchen, beide ohne Hosen, das Mädchen nur beinahe, und da stehen sie die vier.

Betreten blicken sie sich an. Sehen den Boden und die Ferne, die Krallen und die Lust.

SELBSTAUSDRUCK

2017-08-09T23:33:45+00:00